Dies ist Teil 2 unseres Blog-Artikels über die iranische Region Khuzestan. Klicken Sie hier, um zum ersten Teil „Khuzestan – Kornkammer und sprudelnde Ölquelle Irans“ zu gelangen.

Lesezeit Teil 2: ca. 5 Minuten

Inneriranische Verwerfungen: Der Kampf ums Wasser


Wir könnten von Schusch aus noch viele weitere Ziele ansteuern: die ausgeklügelten Bewässerungssysteme von Schuschtar etwa, wo vor fast zweitausend Jahren ein ingenieurtechnisches Meisterwerk des Wasserbaus geschaffen wurde. Auch Dezful mit seinem Stausee ließe sich erkunden und wir könnten dem Dez flussaufwärts ins Zagrosgebirge folgen und unvergessliche Wanderungen machen. Doch diesen Text über die Region Khuzestan soll ein Abschnitt über die Wirtschaft und die Lage der Menschen hier beschließen. Khuzestan ist ohne Frage die Kornkammer Irans. 15 Prozent des iranischen Weizens und fast 40 Prozent des Zuckers stammen aus dieser Region. Das fruchtbare Schwemmland in der sich über zig Kilometer erstreckenden Ebene ist der ideale Nährboden auch für Gemüsesorten aller Art.

Hinzu kommt: Auch unter der Erde schlummert ein tiefschwarzer Schatz: das Erdöl. Erdöl war zwar schon seit der Antike bekannt und es gab Vordenker, die es früh zu nutzen wussten: So beschrieb Abu Bakr al-Razi, ein iranischer Gelehrter aus der Stadt Rey südlich des modernen Teherans, schon am Übergang vom neunten zum zehnten Jahrhundert, wie sich Erdöl raffinieren und verwenden lässt.

Doch die moderne Erdölförderung im Iran begann erst im frühen 20. Jahrhundert, genauer genommen im Jahr 1908. Damals stießen von William Knox D’Arcy, einem britischen Unternehmer, angeheuerte Arbeiter bei der Stadt Masdsched Soleyman, nordöstlich von Ahvaz, auf große Erdöllagerstätten – und die industrielle Förderung begann.

Heute wissen wir, wie wichtig Erdöl für die Industrieländer und für unser aller Alltag ist. Iran ist potentiell einer der größten Erdöl- und Erdgasexporteure der Welt, wenngleich die internationale politische Lage und die, zuletzt vor allem von den USA verhängten, Sanktionen über Jahre den Handel stark eingeschränkt haben.

Erdölraffinerie AbadanBlick auf eine Erdölraffinerie bei Abadan


Khuzestan ist also, was natürliche Ressourcen angeht, eine reiche Region: Es besitzt 80 Prozent der Erdöl- und 60 Prozent der Erdgasvorkommen Irans. Außerdem hat es Zugang zum Meer und wichtige Häfen. Doch in den Geldbörsen der meisten Khuzestanis spiegelt sich dieser Reichtum nicht wider. Im Gegenteil: Die Region zählt zu den Randregionen des großen Landes und häufig in der jüngeren Geschichte hat es Zerwürfnisse gegeben, weil der Reichtum in die Hauptstadt Teheran abfließt und für die Menschen vor Ort nicht viel übrigbleibt.

Dazu kommt, dass im Zuge des Klimawandels in den letzten Jahrzehnten Wasser zu einer immer knapperen Ressource geworden ist. Das lässt sich anschaulich am Kai des Hafens von Ahvaz belegen: Der Karoun führt seit etlichen Jahren derart wenig Wasser, dass hier keine großen Schiffe mehr anlegen können. Das Transportgeschehen hat sich in die Häfen verlagert, die näher am Persischen Golf liegen.

Doch die damit verbundene ökologische Katastrophe ist größer: Mehrere Dammbauten am Oberlauf des Karoun haben wichtige Lebensräume zerstört, landwirtschaftliche Böden versalzen lassen und vielerorts die Fischerei, eine wichtige Einnahmequelle für die Menschen vor Ort, unmöglich gemacht. Der Dokumentarfilm „Karun: The tragedy of Iran’s longest river“ gibt einen Einblick in diese Tragödie.

So nimmt es nicht Wunder, dass Khuzestan in den letzten Jahren auch immer wieder zum Schauplatz von Protesten gegen die Zerstörung der Umwelt und das unzureichende Management der natürlichen Ressourcen geworden ist.

Ausschnitt aus dem Dokumentarfilm „Karun: The tragedy of Iran’s longest river“Ausschnitt aus dem Dokumentarfilm „Karun: The tragedy of Iran’s longest river“



Wer sich weiter über Umweltthemen in Khuzestan und dem Rest Irans informieren möchte, kann zum Beispiel Kaveh Madani, Umweltexperte und ehemaliger stellvertretender Leiter der staatlichen iranischen Umweltorganisation, folgen.

Abreise


Zurück in Ahvaz beenden wir unsere Reise durch Khuzestan mit einem Gang über die „Pol-e Sefid“, die weiße Brücke, eines der Wahrzeichen der Stadt. Es regnet und doch lassen sich die Ahvazis nicht von einer ihrer Lieblingsbeschäftigungen abhalten: Möwen füttern. „Es geht schon irgendwie“, sagt Mohammad, ein junger Mann aus Ahvaz, der Küchenschränke baut und nach Feierabend hergekommen ist, „aber es könnte besser sein“.  Autos schieben sich dicht an dicht über die Fahrbahn ans andere Ufer und unter der Brücke fließt träge der Karoun.

Einen Kilometer weiter wartet am Bahnhof bereits der Zug im Gleis, der uns zurück übers Gebirge aufs Hochplateau und in die quirlige Millionenstadt Teheran bringen wird.

Das war Teil 2 unserer Reisereportage aus der südiranischen Provinz Khuzestan. Wenn wir Ihr Interesse geweckt haben, nehmen Sie Kontakt mit uns auf. Gerne planen wir Ihre maßgeschneiderte Iranreise. Vielleicht darf es ja auch eine Fahrt mit dem Nachtzug sein?