Eine Reise mit dem Nachtzug nach Südiran

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Los geht es am Teheraner Hauptbahnhof: Der Zug wartet im Gleis, die roten Teppiche sind ausgerollt und die Zugbegleiterinnen kontrollieren die Fahrscheine, bevor sie Zutritt zu den 5-Sterne-Schlafwagen gewähren. Ein Bahnarbeiter desinfiziert die Oberflächen am Gepäck der Reisenden. Unser Ziel ist Ahvaz, die Hauptstadt der iranischen Provinz Khuzestan im Südwesten des Landes. Sechzehn Stunden dauert die Fahrt durch die Nacht, auf der wir rund 900 Kilometer zurücklegen, das bis zu 4400 Meter hohe Zagrosgebirge überwinden und schließlich bei strahlendem Sonnenschein den Karoun, den längsten Fluss Irans, überqueren werden, bevor wir in den Bahnhof von Ahvaz einfahren.
Wer beim Aufwachen im Schlafabteil Druck auf den Ohren verspürt, braucht sich nicht zu wundern: Teheran, der Ausgangspunkt unserer Reise, liegt auf dem iranischen Hochplateau und rund 1000 Metern Höhe, hier in Ahvaz hingegen befinden wir uns quasi auf Höhe des Meeresspiegels; eine gute Stunde Autofahrt durch die Ebene und wir erreichen die Wasser des Persischen Golfs.

Ahvaz: Wasser, Brücken und die Eisenbahn

Ahvaz hat in seiner langen Geschichte Höhen und Tiefen erlebt. Bereits in vorislamischer Zeit war es ein wichtiger Umschlagpunkt für den Handel zwischen der mesopotamischen Tief- und der iranischen Hochebene. Diese Rolle nahm es noch über weitere Jahrhunderte ein, doch nach einem schleichenden Niedergang war es im neunzehnten Jahrhundert nur noch ein besseres Dorf mit rund eintausend Einwohnern.
Dann erwachte im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert das große Interesse des britischen Empire an Iran als unerschöpflicher Quelle von Rohstoffen. Die Briten begannen, immensen Druck auf die iranischen Herrscher auszuüben, um Konzessionen und freie Hand beim Handel und der Ausbeutung der Bodenschätze zu erhalten. Schließlich gab der damalige Kadscharenkönig den Unterlauf des Karoun bis Ahvaz für die internationale Schifffahrt frei und so entwickelte sich in Ahvaz unter tätiger Mitwirkung europäischer Handelsgesellschaften rasch ein wichtiger Handelshafen.
In Ahvaz wird der träge Strom des Karoun von Stromschnellen unterbrochen, sodass die Schiffsladungen hier umgeschlagen werden mussten, ehe sie entweder weiter per Schiff oder über Land entlang des Oberlaufs in Richtung Schuschtar und von dort aus über Maultierpfade durchs Gebirge nach Isfahan transportiert werden konnten.
In den 1940ern wurde die Stadt auch noch an die Transiranische Eisenbahn angebunden und so weiter zu einem wichtigen iranischen Verkehrszentrum ausgebaut. Heute zählt Ahvaz rund 1,3 Millionen Einwohner und ist Verwaltungszentrum der Provinz Khuzestan. Zehn Brücken im engeren Stadtgebiet führen über den Karoun und zählen zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt.

Die dreieckige Fakultät

Dreieckige Uni
Vom Bahnhof bewegen wir uns jetzt in gerader Linie in Richtung des Flusses und kommen erst durch einen mit hohen Palmen bestandenen Park, dann am charakteristischen Platz mit Uhrenturm vorbei, wie es ihn in mehreren iranischen Städten seit dem Beginn der Moderne gibt, und erblicken schließlich eine mit blauen, gelben und türkisfarbenen Kacheln verzierte Gebäudefront, die keilförmig ins Straßenbild hineinragt.
Es handelt sich hierbei um die von den Menschen in Ahvaz so genannte „dreieckige Universität“, ein Gebäude aus dem frühen 20. Jahrhundert, das vom Leibarchitekten Reza Schahs, dem Franzosen André Godard, entworfen wurde. Es fällt durch seinen markanten Grundriss in der Form eines rechtwinkligen Dreiecks sowie durch seine harmonischen Bogenformen, die altiranische architektonische Elemente aufgreifen, auf.
Dieses Gebäude hat im Laufe seiner Geschichte vielen Zwecken gedient, zuletzt waren die Fakultät für Literatur- und Geisteswissenschaften sowie die Fakultät für Fremdsprachen und Weltliteraturen darin untergebracht. Seit Längerem ist es aber geschlossen, und Initiativen zur Restaurierung haben noch keine greifbaren Ergebnisse gebracht.

Über Land durch die fruchtbare Ebene


Khuzestan ist der iranische Anteil am Zweistromland Mesopotamien. Gemeinhin wird diese Region als Wiege der Zivilisation bezeichnet, weil hier, im fruchtbaren Halbmond, die Voraussetzungen für ertragreiche Landwirtschaft gegeben waren und komplexe städtische Gesellschaften sich entwickeln konnten.
Wenn wir heute an den mäandernden Armen des Flusses Dez, eines Nebenflusses des Karoun, entlang durch kilometerlange Felder fahren, dann bekommen wir einen Eindruck davon, was mit dem fruchtbaren Halbmond gemeint ist.
Das Satellitenbild zeigt, wie sich der Dez – aus dem Zagrosgebirge kommend – durch die fruchtbare Ebene schlängelt. Ihn umgeben hektargroße Zuckerrohrfelder. Die Pflanze ist eines der wichtigsten landwirtschaftlichen Erzeugnisse in der Gegend nördlich von Ahvaz.
Der Dez bei Haft Tape „Aus dem Zuckerrohr“, so verrät uns unser kundiger Guide Younes, „lässt sich nicht nur Zucker gewinnen.“ Zuerst wird der Saft aus dem Rohr gepresst und was dann noch vom Rohr übrig bleibt, wird Bagasse genannt und kann als Brennstoff, als Viehfutter und als Faserquelle für die Papierherstellung verwendet werden. Darum überrascht es auch nicht, dass mitten in den Zuckerrohrplantagen mehrere Papierfabriken stehen.

Umgeben vom Zuckerrohr: die Zikkurat von Tschogha Zanbil


Inmitten der Plantagen verbirgt sich ebenfalls eine der zahlreichen iranischen UNESCO-Weltkulturerbestätten. Man muss den Weg hierher schon kennen oder sich von Einheimischen oder dem Satellitensignal herleiten lassen, doch hat man die richtige Abzweigung einmal genommen, bietet sich einem ein einmaliger Anblick: Vor uns erhebt sich die Zikkurat von Tschogha Zanbil.
Eine Zikkurat ist ein gestufter Tempelturm aus der Zeit der altmesopotamischen Hochkulturen. Elam hieß das Reich, das hier auf heutigem iranischem Boden bestand. Andere wichtige Reiche derselben Epoche waren Babylon und Assyrien. Gemeinsam ist den dreien, dass die Spuren ihrer Bauten und ihres Schaffens uns bis heute von ihrer Größe erzählen.
Die Zikkurat von Tschogha Zanbil ist die besterhaltene ihrer Art. Von weither sichtbar erhebt sie sich 25 Meter hoch über das ansonsten flache Land. Sie soll vor fast 3000 Jahren einmal um die 50 Meter hoch gewesen sein.
Die Hauptstadt des Reichs der Elamiter hieß Susa und lag genau an der Stelle, wo uns heute, eine halbe Autostunde später, die moderne iranische Stadt Schusch mit ihrem archäologischen Grabungsfeld erwartet.
Schusch, bzw. das antike Susa, ist eine der bedeutendsten Grabungsstätten weltweit. Vieles, was wir über die altmesopotamischen Kulturen wissen, verdanken wir den Funden hier. Unter anderem fand man in Schusch den berühmten Codex Hammurapi, eine der ältesten überlieferten Sammlungen von Rechtssprüchen. Ihn hatten die Elamiter aus Babylon verschleppt, dann geriet er unter die Erde, dann kamen die Franzosen und verschleppten ihn nach Paris, wo er heute im Louvre Auskunft über das Leben in einer antiken Hochkultur gibt.
Im Gegenzug hinterließen die französischen Archäologinnen und Archäologen der Stadt Schusch eine mittelalterlich-europäisch anmutende Burg, die sie zum großen Teil aus den im Grabungsfeld aufgefundenen Lehmziegeln errichteten. Darum sehen wir, wenn wir an den hohen Mauern entlanggehen, auch immer wieder in die Wände eingemauerte Ziegel, die Inschriften in Keilschrift tragen.

Bei der Archäologenburg von Schusch endet der erste Teil unserer Reisereportage aus dem südiranischen Khuzestan. Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann gelangen Sie hier zu Teil 2: „Khuzestan (2/2) – Der Kampf ums Wasser“